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Übersicht
Biermann, Wolf
Heym, Stefan
Neutsch, Erik
Seghers, Anna
Wolf, Christa
- B -
Biermann, Wolf
zur Person: -geboren am 15.11.1936 in Hamburg -Liedermacher -ab Dezember 1965 Auftritts- und Publikationsverbot in der DDR -erhielt diverse Preise in der BRD
-September 1976 erster öffentlicher Auftritt nach elfjährigem Verbot in einer Prenzlauer Kirche -Tournee durch die BRD
-nach dem Konzert in Köln am 13.11.1976 mit TV-Übertragung (Live-LP “Das geht sein’ soz. Gang”) Ausbürgerung aus der DDR -Protestaktionen von DDR-Intelektuellen
-1982 einmalige Einreiseerlaubnis für seinen Besuch bei Robert Havemann
wichtige Werke: -”Mit Marx- und Engelszungen” (inoffizielles Buch aus dem Jahr 1968) -Gedichtband “Die Drahtharfe” (1965 in der BRD erschienen)
-ist auch nach der Wiedervereinigung bis heute künstlerisch tätig

- H -
Heym, Stefan
zur Person: -geboren am 10.4.1913 in Chemnitz; 2001 verstorben -Vater war Kaufmann (wegen jüdischer Herkunft im 3. Reich ermordet)
-1932 Abitur in Berlin -Studium der Philosophie, Germanistik und Zeitungs-Wissenschaften in Berlin -1933 Emigration in die CSR -zum Schutz der Familie Annahme des Pseudonyms S. H.
-als Journalist bei diversen Zeitschriften tätig -1935 Studium in Chicago -diverse Jobs, u.a. als Kellner -1937-40 Mitarbeit bei verschiedenen Zeitungen -1943 US-Army, Sergeant (später Leutnant)
-ab 1945 zeitweilig für Zeitungen in Deutschland tätig, wegen “prokommunistischer Haltung” jedoch Rückversetzung in die USA und Entlassung aus der Armee
-wegen Bedrohung durch den J.-R.-McCarthy-Ausschuß und wegen seines Protestes gegen den Korea-Krieg Ausreise aus den USA -reiste 1951 über Warschau zunächst nach Prag -1952 Übersiedelung in die DDR
-1953 Mitglied des PEN-Zentrums Ost und West -1953-56 Kolumnist bei der “Berliner Zeitung” -Mitglied des Vorstands des DSV (Deutscher Schriftstellerverband)
-Konflikte mit Ulbricht und Honecker -1976 Mitunterzeichnung des Protestbriefs gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns
-Geldstrafen wegen nicht systemkonformer Äußerungen (hielt Wiedervereinigung für möglich, kritisierte die stalinistische Geschichtsschreibung) , ständige
Überwachung durch das MfS (Ministerium für Staatssicherheit), Druckverbote -hielt eine Rede am 4.11.1989 auf dem Berliner Alexanderplatz -diverse Preise im In- und Ausland
-war schließlich Alterspräsident des Deutschen Bundestages
wichtige Werke: -Roman ”König David Bericht” (1973) -thematisiert die Position der Intelektuellen zwischen Macht und Wahrheit
-“5 Tage im Juni, veröffentlicht 1974 in der BRD -Manuskript wird von Erich Honecker auf der 11. Tagung des ZK der SED kritisiert -Roman “Collin” (1979 in der BRD publiziert) -antistalinistisch

- N -
Neutsch, Erik
zur Person: -geboren 21.06.1931 in Schönebeck/ a.d. Elbe
wichtige Werke:
“Bitterfelder Geschichten” (1961), “Die anderen und ich” (1970), “Spur der Steine” (1964, Roman), “Auf der Suche nach Gatt” (1973, Roman), “Olaf und der
gelbe Vogel” (1972, Kindererzählung), Text zum Libretto der Gegenwartsoper “Karin Lenz “ (1971, Musik von G. Kochan), “Haut oder Hemd” (1971, Schauspiel)
Berliner Zeitung, 21.06.2001, S. 15 Auszug:
Moralist im Niemandsland
Erik Neutsch, der Autor von “Spur der Steine”, wird heute siebzig Jahre alt*
“ [...] Hätten wir es denn bei dem Jubilar mit einem verbohrten DDR-Nostalgiker zu tun? Das nun auch wieder nicht. So paradox es klingt: Das frühere Mitglied
der SED-Bezirksleitung Halle, der Funktionär des DDR-Schriftstellerverbandes, der in Reden und Aufsätzen die Gesellschafts- und Kulturpolitik von Partei und
Staat verfocht - er brachte sich mit seinen literarischen Helden zunehmend gegen sich selbst auf. Schon dem Erstling von 1960, der “Regengeschichte”, in der
es um ungerechtfertigtes Misstrauen nach einer tragischen Havarie in einem Chlorbetrieb geht, wohnt ein individueller moralistischer Anspruch inne, der sich
mit den kollektivistischen Zwängen eines Parteisoldaten reiben muss. Mit dem Selbsthelfer Balla, mit dem Arbeiter und Journalisten Gatt, der
wahrheitssuchend sich verbiegen lässt und doch wieder aufbricht zu sich selbst (das Manuskript “Auf der Suche nach Gatt” lag bis zur Veröffentlichung 1973
fünf Jahre auf Eis), mit Achim und Ulrike Steinhauer, Frank Luther und Matthias Münz im unvollendeten Entwicklungsroman “Der Friede im Osten” (1974-1987)
fordert Erik Neutsch rigoros die selbstachtende Moralität des Einzelnen; sie steht gegen einen qua Ideologie und Parteimacht “gesetzten” und angemaßten
moralischen Führungsanspruch. Ballas Freund Horrath, der menschlich scheiternde Parteisekretär, spricht es aus, wenn er die Menschen verachtenden
Herrschaftspraktiken beklagt: “Ich war nie frei genug. Es fällt mir schwer, diese innere Gefangenschaft von [...] fünfundzwanzig Jahren abzuschütteln.” Immer
hartnäckiger attackiert Neutsch die moralische Verlogenheit des Systems. In der Erzählung “Zwei leere Stühle” (1979) ist der nicht zum Klassentreffen
erschienene opportunistische Primus und Parteikarrierist Lichtenfeld nach dem Westen gegangen, der ewig gemaßregelte Tunichtgut Tolls als vorbildlicher
Armeeoffizier ums Leben gekommen. In der Erzählung “Claus und Claudia” (1989) lässt Erik Neutsch eine Hebammenschülerin an der Kälte und Herzlosigkeit
ihrer Ausbilderinnen zerbrechen. Man kann dieses Stück gar nicht anders lesen denn als Metapher, dass die DDR nur noch abdanken kann.
Was 1989 passierte, habe ihn nicht mehr überraschen können, sagt Neutsch. Jemand hatte ihn vor einigen Jahren einen “Moralisten im Niemandsland
zwischen Realitätserfahrung und Parteidisziplin” genannt. Das treffe es. [...]”
Text: Volker Müller

- S -
Seghers, Anna
zur Person:
-geboren am 19.11.1900 in Mainz, Mädchenname Reiling (eigentlich Netty Radványi) -Familie ist jüdischen Glaubens -Vater ist Antiquitäten- und Kunsthändler
-1915-19 Besuch des Gymnasiums in Mainz -1919 Abschluß mit Abitur -Studium der Fächer Philologie, Geschichte, ostasiatische Kunstgeschichte und Sinologie in Heidelberg und Köln
-1924 in Köln Promotion zum Dr. phil. über “Jude und Judentum im Werke Rembrandts” -1925 durch Heirat mit László Radványi Annahme der ungarischen Staatsbürgerschaft
-1925 Übersiedlung nach Berlin -Austritt aus der iraelitischen Glaubensgemeinschaft -Besuch der MASCH (Marxistische Arbeiterschule) in Berlin
-1928 Verleihung des Kleist-Preises für ihre erste Erzählung “Aufstand der Fischer von St. Barbara” 1928 Eintritt in die KPD
-1929 Eintritt in BPRS (Bund Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller) und SDS (Schutzverband Deutscher Schriftsteller)
-1930 Teilnahme an der II. Internationalen Konferenz proletarischer und revolutionärer Schriftsteller in Charkow -Ende Februar 1933 nach Stuttgart -dann Emigration über Zürich nach Paris
-März 1934 für den Pariser Carrefour-Verlag nach Wien -zusammen mit Jan Petersen, Oskar M. Graf und Wieland Herzfelde Mitherausgeberin der Zeitschrift “Neue Deutsche Blätter” (Prag)
-lebte 1940 illegal in Paris, dann bis 1941 im unbesetzten Frankreich in Pamieres (bei Foix, nahe Le Vernet) -Flucht nach Marseille -Ausreise nach Mexiko (unterwegs zeitweise interniert)
-bis 1950 mexikanische Staatsbürgerschaft -1941-46 Präsidentin des Heinrich-Heine-Clubs in Mexiko-Stadt -1942-46 Mitherausgeberin der Zeitschrift “Freies Deutschland”
-Mitarbeiterin der Zeitschrift “Demokratische Post” -im April 1947 über Stockholm Rückkehr nach Deutschland -1947 SED-Beitritt -Mitglied des ständigen Friedenskomitees in Paris
-1947 Erhalt des Georg-Büchner-Preises -1948 Reise mit der ersten deutschen Schriftsteller-Delegation in die UdSSR -Vizepräsidentin des KB (Kulturbunds)
-Vizepräsidentin der DSF (Deutsch-Sowjetischen Freundschaft) -Mitbegründerin der Friedensbewegung in der DDR
-stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Friedenskomitees und ab 1950 Mitglied des Präsidiums des Weltfriedensrats -Teilnahme an vielen Friedenskongressen, u.a. in Paris, Stockholm, Warschau
-1950 Gründungsmitglied der DAK (Deutschen Akademie der Künste) -im November 1950 DDR-Staatsbürgerschaft -im Februar 1951 Stalin-Friedenspreis
-Mitglied der Jury des Stalin- (später Lenin-)Friedenspreises -1951, 1959 und 1971 Erhalt des Nationalpreises -mit seiner Gründung 1952 Präsidentin des DSV (Deutscher Schriftstellerverband) (bis 1978)
-1959 Dr. phil. h.c. der Universität Jena -1960 Verleihung des Vaterländischen Verdienstordens -1961 Auszeichnung mit der Johannes-R.-Becher-Medaille -1965, 1969 und 1974 Erhalt des Karl-Marx-Ordens
-1970 Verleihung des Sterns der Völkerfreundschaft -1978-83 Ehrenpräsidentin des SV (Schriftstellerverbands) -1980 Ernennung zum Held der Arbeit -1975 Verleihung des Großen Sterns der Völkerfreundschaft
-1981 Ehrenbürgerin von Mainz -starb am 1.6.1983 in Berlin
wichtige Werke:
-Romane “Das siebte Kreuz” (englisch 1942, deutsch 1946); “Transit” (englisch 1944, deutsch 1948) und “Die Toten bleiben jung” (1949, teilweise in Mexiko entstanden) -diese Romane gelten als Meisterwerke deutscher Exilliteratur
-Romane “Die Entscheidung” (1959), “Das Vertrauen” (1968) u.a. -spiegeln die DDR-Entwicklung im Kontext nationaler und internationaler Auseinandersetzungen
-Erzählung “Der gerechte Richter” -von ihr in Selbstzensur nicht publiziert, erschien 1989

- W -
Wolf, Christa
zur Person:
-geboren am 18.3.1929 in Landsberg (Warthe), Mädchenname Ihlenfeld -Eltern waren Kaufleute -besuchte 1939-45 die Oberschule in Landsberg -1945 Aussiedlung nach Mecklenburg
-1947 Umzug nach Bad Frankenhausen -1949 Abitur und Eintritt in die SED -1949-53 Germanistik-Studium in Jena und Leipzig -1953-55 Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband
-1956 Cheflektorin beim Verlag “Neues Leben” -1958/59 Redakteurin der Zeitschrift “ Neue Deutsche Literatur”
-1959-62 vom MfS (Ministerium für Staatssicherheit) als IM (Inoffizieller Mitarbeiter) unter dem Decknamen “Margarete” geführt; später “Doppelzüngler” -bis 1962 in Halle ansässig
-ab 1962 freischaffende Schriftstellerin -1963-67 Kandidatin für das ZK (Zentralkomitee) der SED -1965 Mitglied des PEN-Zentrums Ost und West -seit 1974 Mitglied der Akademie der Künste
-1976 unterschreibt sie die Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns -seit 1978 Gastvorlesungen im westlichen Ausland (USA, Schottland, Schweiz, Italien, BRD)
-diverse Auszeichnungen und Ehrendokterwürden im westlichen Ausland -tritt im Juni 1989 uas der SED aus -hielt am 4.11.1989 auf dem Berliner Alexanderplatz die Rede “Sprache der Wende”
wichtige Werke:
-”Der geteilte Himmel” (1963) - gleichnamiger Film unter der Regie von Konrad Wolf (1964) -thematisiert die tragische Liebe zwischen einem nach West-Berlin übersiedelnden jungen Mann und eine junge Frau, die ihre Zunkunft in der DDR sieht
-”Nachdenken über Christa T.” (1968) -Plädoyer für die Subjektivität des Menschen; löste heftige Debatten aus -”Kindheitsmuster” (1976) -Auseinandersetzung mit dem 3. Reich
-“Kein Ort. Nirgends” (1978) -Illusion und Utopie in einer männlich dominierten, durchtechnisierten Welt -”Kassandra” (1983) -Geschlechterkonflikte und Kriegsgefahr
-”Störfall” (1987) -Tschernobyl-Katastrophe -”Was bleibt” (1990) -Verhältnis der Intellektuellen zur politischen Macht; löste den sog. Literaturstreit aus

verwendete Literatur:
- Müller-Enbergs, Helmut/ Wielgohs, Jahn/ Hoffmann, Dieter (Hg.), Wer war wer in der DDR?, Ein biographisches Lexikon, unter Mitarbeit von Olaf W. Reimann und Bernd-Rainer Barth,
Bonn 2001.

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